3
Mai
2010

Gut oder kalt?

Hallo, liebe Leser. Könnte euch jetzt erzählen, wie es mir die letzten Wochen ergangen ist und was ich so gemacht habe. Aber, da einige das nur als Ausreden fürs Nichtbloggen bewerten, spare ich mir das ... :-)

Einen Dialog habe ich heute auch nicht für euch, nur ein paar Gedanken, die mir vorgestern im Dienst in den Sinn kamen.

Ich gab einen Einsatz heraus. Ganz ruhig, sachlich, routiniert. "12/31 fahrt mal *Adresse*. Die Dame von der häuslichen Pflege hat dort in der Wohnung ein Ehepaar gefunden. Sie liegt tot im Bett, er hat sich scheinbar im Badezimmer erhängt."
"Verstanden", sagt der Funker des 12/31. Ganz ruhig, sachlich, routiniert.

Bei so vielen Situationen sind wir ruhig und routiniert. Verlieren nicht die Nerven, wissen, was zu tun ist. Reden zu Hause noch nicht mal drüber, weil es für uns eine Alltagssituation ist/ war. Für viele Normalsterbliche wäre es wahrscheinlich eine Thema für mindestens eine Woche, wenn sie zwei Leichen wie oben beschrieben gefunden hätten.

Beruflich gesehen ist das gut. Wir müssen auch bei Katastrophen ruhig und planvoll bleiben, sonst bräuchten die Leute uns gar nicht rufen. Auch im Privatleben ist das oft von Vorteil. Ich kann mich an keine Krisensituation erinnern, in der ich überfordert war oder die Nerven verloren habe. Sehr praktisch.

Aber wie steht es um die Menschlichkeit? Wieviel Coolness ist gut? Ab wo verliert man Mitgefühl und Empathie? Das erste Mal stellte ich mir diese Frage, als ich mit einem Freund und zwei jungen Frauen in einer berüchtigten Altstadt unterwegs war. Biologisch waren wir alle Anfang 20. Aber ich war wohl schon ein ganzes Stück älter als die drei anderen ... Alle aus wohlbehütetem Elternhaus, gerade das Abi hinter sich. Auf der Straße kam es zu einer Schlägerei. Eine Brille flog auf den Gehweg, Blut spritzte. Automatisch setzten sich meine Beine in Bewegung. Ich hob die Brille auf, sprach kurz mit einem Verletzten und der alarmierten Polizei. Anschließend ging ich zu meinen Freunden zurück. Ich war ruhig und in guter Stimmung, wollte gerne weiter ziehen. Meine Freunde waren jedoch geschockt, wollten einfach nur schnell nach Hause. Ich konnte sie damals nicht verstehen. Es war uns doch nichts passiert, wir waren ja gar nicht beteiligt!? Aber ich hatte damals solche Situationen jedes Wochenende mehrfach ... Während die meisten meiner Freund studierten, sprach ich mit vergewaltigten Frauen, kümmerte mich um Obdachlose mit offenen Geschwüren, prügelte mich mit aggressiven Menschen, die zu viel Alkohol genossen hatten und wurde von wohlhabenden Menschen, die meine Eltern hätten sein können um Hilfe in Notsituationen gebeten. So etwas beschleunigt den Reifeprozess immens - aber es macht auch kälter ...

Versteht ihr, was ich meine?
hexamore - 3. Mai, 10:32

Ich verstehe das sehr gut :-) Ich denke, dass Du den richtigen Job machst. Sowas ist nur für Menschen, die so sind wie Du.... Aber: ich denke nicht, dass es kälter macht. Du blendest es im Job einfach aus, weil da solche Gefühle nicht Platz haben dürfen. Wie Du als privater Mensch bist, kannst Du Dir selber aussuchen, oder?

Zecke (Gast) - 3. Mai, 10:51

verstehe...

Ich kann sehr gut verstehen was Du meinst...
ich denke Du hast den richtigen Job. Und ich finde auch Du gehst gut mit solchen Situationen um...

Lese immer gerne bei Dir! :-) Und freue mich jedesmal wenn Du wieder was geschrieben hast!

Ich selber hab mit der Polizei in Deutschland sehr gute Erfahrungen gemacht.... :-)

Lg Dein Zecklein :-)

Stefan (Gast) - 3. Mai, 11:00

Ich kann das absolut nachvollziehen. Mir ging es genauso als ich mit 19 in meinen Beruf als Rettungsdienstler reinging. Bereits nach kurzer Zeit hab ich da so viel erlebt, was andere möglicherweise als puren Alptraum bezeichnen würden.
Das hat mich persönlich stark geprägt und mich vermutlich sehr schnell erwachsen werden lassen.

Peter (Gast) - 3. Mai, 11:06

Hallo Steel,

ich denke, Du wirst kaum jemanden finden, der für so etwas kein Verständnis hat. Ihr seid einfach so vielen extremen Situationen ausgesetzt, wo Mitgefühl einfach im Weg steht und Euch in Euren Entscheidungen hindern würde. Ihr müsst einfach den Kopf frei haben und die Richtigen Entscheidungen treffen.

Allerdings habe ich auch manchmal das Gefühl, dass gerade bei Großveranstraltungen einige Polizisten die Empathie zu sehr ausblenden. Wenn ich mir die Bilder vom 1. Mai im Fernsehen anschaue und auch an andere Demonstrationen denke kann ich nicht verstehen, dass einige so weit gehen und am Boden liegende Personen treten und einfach unangemessene Gewalt anwenden um ihren "Auftrag" durchzusetzen.

Aber ehrlich gesagt traue ich nur wenigen Polizisten zu so kalt zu sein. Viele werden im Einsatz Gefühle beiseite schieben, die sie danach irgendwann wieder einholen. Mittlerweile gibt es ja zum Glück auch spezielle psychologische Betreuung für solche Fälle. Ich würde mir wünschen, dass mehr Polizisten sich nicht als so knallhart ansehen und meinen sie könnten so etwas alleine bewältigen, sondern diese Hilfe auch in Anspruch nehmen. Schließlich sind wir alle nur Menschen und solch grausame Ereignisse haben immer auswirkungen auf die Psyche, nur vielen ist dies einfach nicht bewusst.

mgernhardt (Gast) - 3. Mai, 13:48

Ja, richtig...

... stimmt ja, der 1. Mai. Wie konnte ich den nur vergessen...

Da waren ja 8.000 Polizeibeamten in Berlin unterwegs, von denen EINER sich inakzeptabel und ausgesprochen schlecht benommen hat. Deshalb muss man dann gleich davon sprechen, dass "einige" so weit gehen, am Boden liegende Personen zu treten. Von den Randalierern zu sprechen, die 98 Polizeibeamte verletzt und eine deutlich höhere Anzahl von Polizeibeamten mit den unglaublichsten Gegenständen beworfen haben, das ist dann kein Erfordernis der Empathie?

Ich persönlich bin immer sehr dafür, solche Vorfälle wie den Tritt des Polizisten gegen den Demonstranten offenzulegen und aufzuarbeiten, denn meine persönliche Theorie ist, dass es geschätzte 2% Vollpfosten bei der Polizei gibt und 98% Leute, die ihren Job ordentlich und mit Hingabe machen. Diese 98% sollten durch konsequente Aufklärung vor den Imageschäden durch die Vollpfosten geschützt werden.

Schön und ein Zeichen der vielfach eingeforderten Empathie wäre es in meine Augen jedoch, dazu zu sagen, dass neben diesem Vollpfosten 7.999 Polizeibeamten KEINEN getreten haben. Ebenfalls ein Zeichen der vielfach eingeforderten Empathie wäre es vielleicht, auch mal ein Wort des Bedauerns zu finden für die verletzten Polizeibeamten. Stattdessen kommt aus einer bestimmten Ecke auch noch der Spruch, dass der schwer am Rücken verletzte Polizeibeamte, für den sogar der Notarzt einrücken musste, "nur" einen Hexenschuss hatte. Nee, ist klar, und die Pflastersteine bringen sich auch jedes Jahr selbst das Fliegen bei.

Empathie kann keine Einbahnstraße sein. Wer diese von der Polizei fordert, muss sie auch selbst geben können. Und zwar auch den Damen und Herren in Uniform.

Ach ja, und bevor mir jetzt von irgendwoher das Totschlagargument an den Kopf geworfen wird, ich würde nicht zwischen friedlichen Demonstranten und Randalierern unterscheiden - ich habe selbst früher, als ich noch jünger war, so gut wie keine Demo ausgelassen und ich lasse es mir auch in heutiger Zeit nicht nehmen, die eine oder andere Demonstration zu besuchen. Aber es war für mich niemals eine Frage, dass ich, sobald irgendwo Gewalt ausbrach, die Demo sofort verlassen habe. Ich bin jedes Mal sofort zum mir am nächsten stehenden Polizisten gegangen, habe gesagt, dass ich mich von Gewalt distanzieren und die Demo verlassen will. Niemals bin ich aufgehalten worden. Im Gegenteil habe ich einmal sogar Begleitschutz bekommen, weil einige der "Friedensengel" (es ging gegen den zweiten Golfkrieg) meinen Abgang irgendwie nicht pazifistisch nehmen wollten...

Von daher fällt es mir immer sehr, sehr schwer zu glauben, dass an all den Eskalationen auf diversen Demos immer die Polizei schuld sein soll. Ach, das ist viel zu geschönt ausgedrückt. Es fällt mir nicht nur schwer, es zu glauben - ich glaube es nicht. Ganz einfach!
Matthias (Gast) - 4. Mai, 07:43

@mgernhard

Das war das Beste, was ich in den letzten Tagen zu diesem Thema gelesen habe. Beide Daumen hoch.
Peter (Gast) - 5. Mai, 12:21

@mgernhard

Ich muss Dir zustimmen, dass es sicherlich nur wenige Ausnahmen unter den Polizisten sind, die sich nicht vorschriftsmäßig benehmen. Allerdings wirft so etwas immer ein schlechtes Bild auf die gesamte Polizei und die Medien greifen sich solche Beispiele natürlich heraus.

Und ich will keinenfalls irgendwelche Randalierer in Schutz nehmen. Gegen solche Leute muss nunmal mit einer gewissen Härte vorgegangen werden, denn mit Worten ist bei ihnen meist eh nicht viel zu bewirken. Leider werden solche Chaoten viel zu selten und viel zu lasch bestraft.

Das Problem, was ich an der Geschichte sehe, ist, dass die Polizei mit Krawallmachern konfrontiert wird und dabei teilweise sogar um ihr Leben bangen muss. Aber diese Angst bzw. Wut trifft dann nicht nur die Chaoten, sondern halt auch Leute, die sich nicht an der Gewalt beteiligt haben. Sicher gibt es schon viele Schulungen bei der Polizei wo solche Situationen trainiert werden, aber das kann man mit dem Ernstfall wohl kaum vergleichen.

Die Polizei hat nunmal auch eine Vorbildfunktion, und diese muss ihr jederzeit bewusst sein und leider gibt es da immer noch zu viele Situationen, wo es aus dem Ruder läuft. Aber vielleicht erwarte ich da auch etwas zu viel, denn Polizisten sind nunmal auch nur Menschen.

Was ich zum Beispiel sehr positiv fand, war das Verhalten der Polizei bei der letztem EM, wo sie mit kleinen Gruppen gesichert vorgedrunden sind, sich den Agressor herausgezogen und abgeführt haben. Der Rest der Gruppe hatte sich dann meist schnell beruhigt und die Gruppe hat sich nicht angegriffen gefühlt, weil es gegen einen einzelnen ging. Sicher ist bei großen Demos so etwas nicht so leicht umzusetzen, wie bei ein paar Fussballfans, aber die Grundidee ist so einfach wie genial.

@steel
Sorry, wenn ich vom Grundthema ein wenig abgedriftet bin...
Kid D (Gast) - 6. Mai, 19:32

Ach, Gernhardt, überprüf doch mal bitte deine Zahlen. Sonst läuft deine eh schon schwache Argumentation vollends ins Abseits.

>Da waren ja 8.000 Polizeibeamten in Berlin unterwegs, von denen EINER sich inakzeptabel und ausgesprochen schlecht benommen hat.
>Deshalb muss man dann gleich davon sprechen, dass "einige" so weit gehen, am Boden liegende Personen zu treten.

>meine persönliche Theorie ist, dass es geschätzte 2% Vollpfosten bei der Polizei gibt und 98% Leute, die ihren Job ordentlich und mit Hingabe machen.

2% von 8.000 Polizeibeamten sind 160 Polizeibeamte. Immerhin 159 Stück mehr als der besagte "EINE"; da wäre es schon angebrachter, von "einigen" zu sprechen. Leider hast du damit deine komplette Argumentation gegen die Wand gefahren, aber hey, Hauptsache mal reaktionär sein. Daumen hoch.
Turtle (Gast) - 7. Mai, 12:57

Die Schuldfrage bei Eskalationen auf Demos kann man sicherlich weder der Polizei noch den Demonstranten (es sind beileibe nicht immer "Chaoten") allein in die Schuhe schieben. Es gibt leider genug Menschen die in der Polizei einfach nur die Staatsmacht und damit einen Feind sehen, dem die Menschlichkeit einfach abgesprochen wird. Umgekehrt gibt es eben auch Polizisten die das Machtspielchen spielen und wo man schneller mal auf die Muetze bekommt. Also gibt's leider immer wieder Prügeleien, Verletzte und Anzeigen.

Das grosse Problem ist aber, dass man als Demonstrant nach einer Anzeige oft bestraft wird (Widerstand bei der Festnahme, versuchte Gefangenenbefreiung usw). Umgekehrt werden Anzeigen gegen Polizisten meist nicht weit verfolgt und das Verfahren eingestellt, weil die Beamten nicht gegeneinander aussagen und Polizisten im Vollschutz ohne eindeutige Nummer nicht erkennbar sind. UND dann bekommt man in sehr vielen Fällen auch postwendend eine Anzeige wegen Verleumdung, die oft genug auch durchgeht. Ich glaube wenn sich da mal was tut, und zwar nicht nur im dem Sinne, dass Gewalt gegen Polizisten schwerer bestraft wird, entspannt sich bei vielen Demos die ganze Sache ein bissel. Am 1.Mai wahrscheinlich nicht, aber bei anderen Demos bestimmt.
jay (Gast) - 3. Mai, 11:10

Ja...

Ich verstehe dich aus eigener Erfahrung. Bin mit 16 das erste mal auf dem RTW mitgefahren. Da sieht man Sachen, die andere im gleichen Alter nichtmal erzählt bekommen wollen. Hab das dann ca. 10 Jahre gemacht und wirklich aus der Ruhe bringt mich nicht viel.
Das beschleunigt den Reifeprozess, wie du gesagt hast.
Aber für mich hat das Ganze die Fähigkeit mitgebracht Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden, was mich letztlich glücklicher und zufriedener in meinem Leben macht. Viele Leute, die ich kenne können das nicht und sind dauerhaft unzufrieden wegen Kleinigkeiten.
Ja, manchmal macht einen die Erfahrung kälter, aber das hindert dich nicht deine Emotionen dort offen zu leben, wo es wichtig ist.

Dirk (Gast) - 3. Mai, 11:25

Hallo,
um die menschlichkeit würde ich mir weniger Sorgen machen. Immerhin schreibst du im letzten Abschnitt, das du wie selbstverständlich mit den Menschen geholfen hast, dass es dich aber emotional nicht tief berührt hat.
Unmenschlich wäre es, wenn es einen nicht berührt und man sich sagt: "Ist doch nicht mein Problem" und weiter geht.

Ich verstehe was du meinst. Man stumpft gegenüber dem ab, was man ständig erlebt.
Ich engagiere mich ehrenamtlich als Jugendarbeiter in einem sozialen Brennbezirk und erlebe immer wieder, das Sachen die Kollegen aus anderen Jugendarbeiten schockieren, mich fast kalt lässt, weil ich sowas öfters erlebe und damit gelernt habe umzugehen.

Nach dem, was ich in den letzten Wochen gelesen habe, machst du auf jeden Fall einen guten Job und hast auch den richtigen Charakter dafür.

Mit segnenden Grüßen

Dirk

PeZwo - 3. Mai, 11:36

wie definiert man *kälter werden*?

Du konntest wegen deiner Berufserfahrung im Gegensatz zu deinen Begleitern emotional mit oben geschilderter Situation umgehen. Für mich ist das nicht ein Zeichen für "kälter geworden". Es wäre aus meiner Sicht nur dann bedenklich, wenn du dich um den Verletzten nicht gekümmert hättest weil der Vorfall aus deiner Sicht betrachtet zu banal war. Dann könnte man vielleicht die Frage der Menschlichkeit stellen.

Feuerteufel (Gast) - 3. Mai, 11:45

Nur zu gut...

Auch wenns nur mein Hobby war...
Andere haben ihren Einzug in die Kreisliga gefeiert - wir hatten ein langes Gespräch mit einem Notfallseelsorger, da wir 15 Minuten an einer Frau vorbeigelaufen sind, die in ihrer brennenden Wohnung unter dem zusammengebrochenen Garderobenschrank lag und somit sehr schonend gegart wurde.

Da gibts auch böse Blicke, wenn man dann von seinem Hobby erzählen soll. Von brennenden Mülltonnen will niemand was hören, die richtig großen Einsätze sind meistens schnell erzählt. Da bleiben fast nur noch Horrorstories für Außenstehende, was für mich mehr oder minder Tagesgeschäft war. Ich wurde oft gefragt "und wie steckt man das weg?" - mehr als "man findet sich damit ab" bleibt da nicht als Antwort. Ich selbst hab mich schon ertappt, medizinische Notrufmeldungen in vollkommener Ruhe herunterzurattern, einmal wurde ich gefragt "Lesen Sie das ab?" Genauso wie meine ganz ruhiger Gang zur Notfallpraxis mit aufgeschnittener Hand und späterer Autofahrt, man gewöhnt sich einfach dran...

Davon, dass ich inzwischen in Prüfungssituationen vollkommen ruhig in der Uni sitze, da ein falscher Griff unter extremem Stress, 5 Minuten nach dem Aufstehen, an der Schutzausrüstung tödlich enden kann, will dann doch keiner was wissen.

StarFire (Gast) - 3. Mai, 12:05

Ich würde es mal so sagen ...

... ich habe Gefühle, aber ich bin nicht meine Gefühle und ich lasse nicht zu, daß meine Gefühle mich beherrschen. In den letzten 40 Jahren habe ich auch Sachen erlebt, die die meisten "normalen" Leute, die Unfälle, Krieg, Gewalt und unangenehme Situationen/Anblicke nur vom sicheren Fernsehsessel aus oder aus der Zeitung "kennen". Die meisten Menschen lassen sich schon von Kleinigkeiten erschüttern. (Emotionale Instabilität - das finden die meisten Menschen erst raus, wenn sie mal in eine Situation geraten, in denen ein klarer Kopf gefordert ist).

Ob mich meine Erfahrungen kälter gemacht haben? Eher abgeklärter. Ich bin nicht so weltfremd wie die meisten Couchpotatoes oder Leute, die alles ausblenden, was nicht in ihre heile Welt passt, was ihnen Angst macht.

Steel, Du kennst auch die unsicheren Seiten des Lebens - des echten Lebens - nicht dieses Second-Hand-Leben, das die meisten braven Bürger für reales Leben halten. In meinem Bekanntenkreis sind Polizisten, Soldaten, Ärzte, Sanitäter - aber auch Menschen die Ihre Augen nicht zwanghaft verschließen, weil etwas nicht in ihre heile Welt passt. Unsere Welt ist in unsicher, potenziell gewalttätig und alles andere als heil. Du weißt da, ich weiß das und die Leute, die Dein Blog lesen, wissen das auch. Aber es gibt eine ungeheure Menge von Menschen, die in einer Illusionswelt leben und jeden Gedanken verweigern, der diese Illusion trüben könnte.

Meiner Meinung nach bist Du geistig gesünder und stabiler als die meisten Menschen, die schon den ganzen Tag ein Gesprächsthema haben, nur weil jemand ihnen die Tageszeitung aus dem Briefkasten geklaut hat. Ich persönlich bin froh, daß es Leute wie Dich gibt. Leute die angesichts einer schwierigen Situation einen klaren Kopf bewahren und folgerichtig handeln können, während andere Leute nur betroffen oder gar lamentierend im Weg rum stehen.

lg
SF

Ali Gator (Gast) - 3. Mai, 12:25

Jau, kann ich nachvollziehen. Habe auch einige Situationen beim THW erlebt, die wohl dem ein oder anderen echt den Magen umgedreht hätten. Das sind zwar sicher andere Maßstäbe als bei Dir, aber es geht schon in eine ähnliche Richtung.

Um die Menschlichkeit würde ich mir bei Dir aber keine Gedanken machen ;-)

Gruß,
Ali

stk (Gast) - 3. Mai, 13:16

Ja, kann ich nachvollziehen, und ich faende es gut, wenn _mehr_ Leute das nachvollziehen koennten. Mir fiel das im Nachgang des Fussballspieler-Suizids auf, als viele sich ueber die kruden Witze echauffierten, die durchs Netz gingen. Ich sah darin aber fast dasselbe, was intern an der Einsatzstelle passiert: Brutale Witze, um mit der Situation umgehen zu koennen.

Jeder hat eine andere Strategie, mit Belastungssituationen umzugehen, die sich meiner Erfahrung nach auch "weiterentwickelt", je mehr man gesehen und erlebt hat. Aufgefallen ist mir aber auch vor allem, dass besagte Witzchen aber gerade dann kommen, wenn man gerade in Bereitstellung ist, eigentlich nichts zu tun hat und deshalb ins Nachdenken kaeme -- solange man seinen Einsatzauftrag hat, wird konzentriert und professionell gearbeitet.

mgernhardt (Gast) - 3. Mai, 13:32

Verständlich...

Nein, Steel, kalt bist Du sicherlich nicht.

Obwohl ich weder Polizistin, noch Sani, noch Ärztin noch bei der Feuerwehr bin, habe ich durchaus die eine oder andere Krisensituation im Leben gehabt und wundere mich dabei nur noch über mich selbst. In den Situationen selbst bin ich sehr ruhig - später, wenn ich dann allein bin, oder mir klar wird, was alles hätte passieren können, dann kommt schon das große Nervenflattern.

Zuletzt hatte ich das letzte Woche als ich um ein Haar an der Witwenschaft vorbeigeschrammt bin. Beim organisieren meines Abgangs aus dem Job war ich cool, beim Warten vor der Intensivstation war ich cool, solange ich mit dem Arzt gesprochen habe, war ich cool, beim Autofahren war ich cool (wenn man davon absieht, dass ich mit sehr überhöhter Geschwindigkeit in eine Baustelle gesemmelt bin - was für mich nicht wirklich normal ist) - erst Abends daheim war ich dann uncool. (Dafür dann richtig!)

Hauptberuflich hatte ich auch schon mit einigen sehr belastenden Dingen zu tun. Man muss das einfach auf die von Dir beschriebene Art wegstecken, sonst geht man doch an seinem eigenen Beruf kaputt. Speziell Polizisten sollten das vermeiden. Nicht nur, dass Ihr einen harten Beruf habt, sondern Ihr habt auch noch eine Menge Spaß mit der verzerrten Berichterstattung in der Presse und der daraus folgenden resultierenden Wahrnehmungsstörung in der Bevölkerung, wer hier in diesem Land eigentlich wie viel Gewalt austeilt und wer wie viel Gewalt zu spüren bekommt.

Mit belastenden Situartionen auf Dauer leichter fertig zu werden, heißt nicht, dass man kälter wird, es heißt, dass man seine eigene Seele schützt, um im richtigen Augenblick Empathie geben zu können. Eben weil man seine Seele nicht vollkommen auslaugt.

alltagimrettung (Gast) - 3. Mai, 14:32

....

Ich kann dich auch verstehen, denn ich arbeite selber in einem Beruf wo man Ruhe und Routine braucht. Und ja man wird in solchen Berufen einfach ein bisschen kälter, oder besser gesagt abgebrühter. Wir können das ganze Leid nicht mit nach Hause nehmen und im Job selbst ist dieses Mitleid fehl am Platz, denn wie du richtig schreibst, sonst könnten wir gar nicht funktionieren. Was wir uns aber trotzdem behalten müssen, ist unsere soziale Kompetenz sich auch in andere Menschen hinein zu versetzen. Denn für den Normalbürger ist sowas nicht normal. Aber trotz aller Routine und Ruhe gibt es auch Einsätze, die uns selber sehr an die Nieren gehen und das ist auch gut so.

Christoph (Gast) - 3. Mai, 14:32

verständnis

Mann, Steel. Das denk ich mir so oft in letzter Zeit, es hier grad zu lesen berührt doch. Ich bin seit zehn Jahren beim THW und ich glaube, es gibt nicht viel an demolierten Autos, was ich noch nicht gesehen habe. Kürzlich war ich privat Eisessen, direkt vor der Eisdiele legts einen Motorradfahrer mit ca. 60km/h auf die Straße, Motorrad fliegt unter ein geparktes Auto, Fahrer segelt hinterher. Und ich hab garnicht drüber nachgedacht, während des Hinlaufens Polizei und Krankenwagen geholt, Motorradfahrer angesprochen (es ging im gut, auch wenn er fünf Minuten später weggekippt ist), mit dem Handy schnell die Szene fotografiert - das war vollkommen automatisiert. Dann bin ich zurück und wollt mein Eis fertig essen, während wir auf die Polizei gewartet haben. Und seitdem frag ich mich, ob ich nicht zu "cool" geworden bin, dass ich überhaupt keine Empathie mehr spüre. Das hätte locker tödlich ausgehen können, aber irgendwie ist man total distanziert.
In diesem Sinne - ganz herzlichen Dank. Tut gut zu lesen, dass es anderen auch so geht.

Mach weiter so! Herzlichst,
Christoph

sliggel (Gast) - 3. Mai, 17:02

In dem Moment des Handelns ist man 'ne coole Sau! Man hat schon so viel gesehen und erlebt, dass man einfach nicht darüber nachdenkt. Routiniert und professionell wird die Sache abgearbeitet.

Deswegen ist man aber nicht weniger Mensch. Und gerade die Tatsache, dass man sich später darüber Gedanken macht, zeigt doch, dass man eben nicht total gefühllos ist.

Dulzian (Gast) - 3. Mai, 18:13

Lieber Steel,

mit gr. Dankbarkeit habe ich Deinen neuesten und recht privaten Artikel gelesen.
Du fragst abschließend ob man versteht, was Du damit meinst. Ich erlaube mir
die Frage umzudrehen, und Dich zu fragen, ob Du vielleicht verstehst, dass es
jemanden gibt, der seit mittlerweile über 4 Jahren fast verzweifelt einen Polizisten
zum platonischen Freund und geistigen Gegenüber sucht, der genau die von Dir
beschriebenen Merkmale aufweist: Einen den nichts aus der Ruhe bringen kann,
für den "schlimm" erst äußerst spät anfängt und der im guten Sinne cool ist.

Der nicht weltfremd, verklemmt, überbehütet, mit einer moralisierenden Weltsicht,
sondern mit echter Souveränität ausgestattet ist. Ich denke, dass es nichts Verwerfliches
ist, wenn man im alltäglichen Umgang mit Chaos und Tod zwangsläufig abhärtet. Vor allem
wenn man für sich die Marschrichtung klargestellt hat: für das Leben, für Gerechtigkeit
und Friede, für die Mitmenschen, für eine freiheitlich, demokratische Werteordnung, usw.

Alles Gute.
Bis bald.

Dein Dulzian.

Mocca. - 3. Mai, 18:46

Ich denke, das ist eine Medaille mit zwei Seiten. Im Kern ist deine Arbeit nunmal, Menschen zu helfen - das ist vermutlich die "wärmste" Motivation, die es überhaupt geben kann. Dass eine gewisse Professionalität / "Kälte", wenn du es so nennen willst, notwendig ist um 1. diese Arbeit gut zu machen und 2. daran nicht kaputt zu gehen, ist nun einmal so. Trotzdem dient sie ja nur dem Helfen, ist also eher untergeordnet. Einen kühlen Kopf zu bewahren, ist nicht schlimm. "Kalt" wäre, wenn dir misshandelte Menschen egal wären.

Claudia (Gast) - 3. Mai, 19:34

Nach dem, wie Du hier immer wieder Deinen Alltag und seine Absurditäten und Schrecklichkeiten beschreibst, kann ich nicht finden, daß Du kalt bist. Sachlich und ruhig mußt Du ja sein, sonst ginge die Arbeit nicht. Davor habe ich übrigens großen Respekt. Selbst habe ich eine Zeitlang in der Pflege gearbeitet und festgestellt, daß ich alles Elend "nach Hause genommen" habe, weil ich Deine Fähigkeit zum Ausblenden und Abschalten nicht habe. Aber genau diese Fähigkeit ist für helfende und ordnende Berufe notwendig.
Die Gefahr, kalt zu werden, besteht dabei vermutlich immer, aber solange man sie sich bewußt macht und gegensteuert mit einer großen Portion Herz, Hirn und Humor, ist sie nicht übergroß.

cogito - 3. Mai, 22:54

Mehr Eigenschutz als Coolness

Hallo Steel,

Du erlebst es als Polizist tagtäglich in Deinem Job, viele Freunde von mir ebenfalls tagtäglich im hauptamtlichen Rettungsdienst, und ich selbst habe es auch schon an mir selbst bemerkt: Ich bin seit 23 Jahren ehrenamtlichen bei der größten deutschen Hilfsorganisation im Katastrophenschutz tätig, war z. B. 2000 beim Zugunglück in Brühl im Einsatz.

Es hat wohl weniger was mit Coolness zu tun als mehr mit Eigenschutz. Man handelt routiniert, teilweise wie vom Autopilot gesteuert. Das Gehirn funktioniert, aber die emotionale Empfangsstelle schaltet ab, zu unserer eigenen Sicherheit. Wenn man ansonsten ständig über das nachgrübeln müsste, was man in Einsatzsituationen sieht oder erlebt, müsste man wahrscheinlich über kurz oder lang aufhören, weil es weit mehr ist als ein Mensch verkraften kann. Schwarzer Humor gehört auch dazu, auch wenn er auf Unbeteiligte manchmal unpassend wirkt. Er hilft einem, das Ganze eher mit Abstand zu betrachten.

Es macht nicht kälter. Es hilft uns, damit wir auch weiterhin helfen können.

Marie (Gast) - 3. Mai, 23:32

Das ist eine gute Frage, ob das noch gut ist, wenn man so gefühlskalt wird.
Gerade ich stelle mir die Frage durchaus öfter, gerade jetzt, da ich jetzt Polizeibewerberin bin.
Während meines zweiten Praktikums bei der Polizei, das ich freiwillig auf der örtlichen PI versehen habe, habe ich auch einen Toten gesehen.
Für mich war es selbstverständlich, dass ich darüber rede, aber ich habe ja sowieso von jedem VU und jedem Diebstahl erzählt und für mich war es ja auch die erste Leiche...

peb (Gast) - 4. Mai, 07:45

Schutzfunktion

Hallo Steel,

vorab, ich bin kreativ Arbeitende, Bürotussi und auch in meiner Freizeit mache ich keine derartigen Jobs wie die meisten Kommentatoren in diesem Beitrag :-) ... dennoch kann ich die Gedankengänge nachvollziehen. Ich halte es für die natürliche Schutzfunktion des Körpers, bzw. der Seele. Gewohnheit wäre es wohl eher wenn man Notsituationen nicht mehr wahr nehmen würde, aber das ist ja nicht der Fall.

Nehmen wir doch mal ein blödes Beispiel aus dem "Alltag". Jeder weiß welchen Schmerz es auslöst, wenn man sich in den Finger schneidet. Dadurch, dass man den Schmerz im Geiste abrufen kann, wiederholen sich solche Handlungen nicht - bzw. nicht mehr absichtlich oder leichtfertig. Nun nehmen wir aber mal eine Mutter zum Beispiel. Ein Kind raus zu quetschen ist schon recht unangenehm es tut eigentlich sogar ziemlich weh wenn man auf die krankenkassengesponsorten Hilfsmittelchen verzichtet ;-) ... dennoch kommt manch Mutter auf die (blöde?!) Idee den Spaß noch mal zu vollziehen, oftmals sogar mehr als 1-2 mal. Meines Erachtens nach setzt hier der Schutzmechanismus ein, der Schmerz wird "vergessen", er ist nicht wie andere Dinge im Geiste abrufbar. Klar, man weiß wohl noch, dass es weh tat, aber das "Wie weh" ist weg, abgeschwächt.

Bei euren Berufen stelle ich es mir ähnlich vor. Ihr helft, weil ihr es gelernt habt, es könnt, es gern macht. Der seelische Schmerz, der bei anderen entsteht, wird dank der Schutzfunktion weitestgehend ausgeschaltet. Bei manchen Menschen funktioniert das sicher nie, bei anderen - und das sind dann genau die Menschen in solchen Berufen - funktioniert es eben gut.

Ich für meinen Teil weiß, dass ich solche Berufe nicht ausüben könnte. Ich kann helfen und ich mache es auch automatisch, aber sobald das Nötigste getan ist, breche ich ein. Ich trage all diese Erlebnisse mit mir herum, nicht täglich, aber so oft, dass es mich dann sehr traurig macht und dafür sorgt, dass ich wieder einmal nicht schlafen kann und ich bin mir sicher, dass viele Menschen in den Berufen es nicht bis zur Rente schaffen, weil es irgendwann einfach zuviel wird.

An dieser Stelle möchte ich einfach mal ein herzliches Dankeschön an all die Menschen aussprechen, die helfende Berufe gewählt haben und täglich ihre Seele einsetzen um Menschen wie mir das Leid weitestgehend abzunehmen.

Viele Grüße
peb

Ich bins (Gast) - 4. Mai, 18:46

Die Tatsache das Du Dir darüber Gedanken machst zeigt doch das Du Mitgefühl empfindest. Ist doch normal das man in so einem Beruf lernt damit umzugehen.

P.S: Schön (ironisch gemeint) ist es zu sehen das Menschen schockiert und betroffen sind wenn es "normale" Menschen erwischt aber wenn es einen übergewichtigen erwischt (egal ob es Körperverletzung oder schlimmeres wie der Tot ist) werden darüber Witze gemacht und es juckt niemanden. Solche Leute sind zum kotzen, nicht die welche gelernt haben mit schlimmen Dingen umzugehen.

RokkerMur - 4. Mai, 21:43

@in Sachen kälter werden

Wenn er sagt es macht ihn kälter glaube ich das 100pro.
Ich werde daher steels "kälter werden" nicht erklären, in ähnlichen Situationen
(und ich bin nach 4 burn outs trotzdem der Meinung es ist besser wenn man
Situationen an sich heranlässt) hatte ich eine Zeitlangden Zynismus-Filter.

Bei manchen Situation ist sogar eine Supervision sinnlos (da kann ich nur von mir sprechen)
trotzdem ists viel besser die sogenannte Menschlichkeit auch als Profi nicht zu verstecken.
Die Gefahr, wenn man permanent in Böses blickt (und das gibt es auch in der Jugendarbeit)
kann man selbst davon angesteckt werden besteht sowieso.

Toll steel wie du das machst :)

Außensicht (Gast) - 5. Mai, 01:11

> Für viele Normalsterbliche wäre es wahrscheinlich eine Thema für mindestens eine Woche, wenn sie zwei Leichen wie oben beschrieben gefunden hätten.

Das liegt womöglicherweise daran, dass "Normalsterbliche" üblicherweise erstens nicht damit rechnen, was auf sie zukommt (Zufallsfund statt Beauftragung durch Kollegen im Dienst), sie zweitens häufig alleine statt mit Kollegen da hinkommen dürften, sie drittens nicht dafür geschult worden sind, vor allem aber nicht in einem dafür gedachten Umfeld "Polizei" an diese Situation herangeführt wurden (mit der Zeit hineingewachsen sind) und es viertens sehr häufig Bekannte oder Verwandte sein dürften, die da von den "Normalsterblichen" gefunden werden. So wie es im vorliegenden Fall übrigens...

Es ist erfreulich, wenn die Polizei ihre Aufgaben souverän erledigt und die Beamten das ohne mensche Katastrophen verarbeiten können. Das ist sicher nicht immer einfach, man muss da hineinwachsen. Aber: Eine gewisse Überheblichkeit gegenüber "Normalsterblichen" - als solche könnte man meines Erachtens einige Formulierungen im ersten Teil des Beitrags deuten - ist vielleicht nachvollziehbar (Gewaltmonopol, angesehener Beruf usw.), der Sache aber eher abträglich.

Meinen Respekt allen Polizisten, die es schaffen, trotz allem anständig zu bleiben, Opfern zu helfen, Täter zu verfolgen und gleichzeitig der restlichen Bevölkerung ebenso mit Respekt und ohne Überheblichkeit zu begegnen. Es ist gut, dass es soziale Berufe und Sicherheitseinrichtungen wie Polizei, Feuerwehr, Rettungsdienste usw. gibt. Die Menschen in diesen Berufen haben eine große Verantwortung, oft schwierige Aufgaben, und sie haben die Chance, daran charakterlich zu wachsen - gleichzeitig aber auch die Gefahr ein wenig abzuheben. Wenn dabei Korpsgeist nicht vor Gerechtigkeit und Anstand geht, dann kann man stolz sein.

PS: Insbesondere der dritte Beitrag bezieht sich ausdrücklich nicht auf vorherige Beiträge hier, sondern auf unsere Sicherheitsorganisationen allgemein. Das Zitat war der lediglich ein Anknüpfungspunkt für meinen Beitrag. Bei der Gelegenheit ein Dankeschön an den Autor für diesen interessanten Blog!

JJ (Gast) - 5. Mai, 17:33

gut UND kalt! :)

Das gleiche kannst du auch bei der Formel 1 bestaunen. Wenn jemand zum ersten mal auf dem Podest steht, egal auf welchem Platz, dann sind die immer kurz vor dem heulen vor Freude. Wenn man sich dann die Profis anschaut, die auf der 3. Treppe stehen, dann heulen die fast, dass sie nicht auf der höchsten stufe stehen.
Wenn man zum ersten mal mit einer situation konfrontiert wird, verarbeitet man sie immer anders als danach. Weil man sich hinterher gedanken macht, überlegt was man anders hätte machen können, usw. Das ist bei dir nicht anders. Und wenn man dann schon zig mal eine Leiche gesehen hat, weiß man halt was man machen muss. dann ists auch nichts neues mehr.
und ich glaube wenn dann mal jemand, der dir ans herz gewachsen ist tod vor dir liegt, dann merkst du, dass dich manche leichen doch gar nicht so kalt lassen...

Mika (Gast) - 6. Mai, 16:05

Moin/Nabbend/Mahlzeit,

wollt mal an dieser Stelle kurz nen Gruß und ein Lob loswerden.
Hab den Link hier letztens von nem Bekannten bekommen, nachdem ich ihn aus schriftstellerischen Recherezwecken gefragt hab, wie sich die Polimanzei überhaupt am anderen Ende meldet, wenn man den Notruf wählt (ich hatte mal davon abgesehen, das direkt selbst auszutesten; und nachdem ich jetzt hier stundenlang gelesen hab, ist das wahrscheinlich auch ganz gut so *chrhr* - dat wär dann allerdings auch ein recht kurzer Dialog geworden. oO

"Polizeinotruf."
"Oh. Ach SO! Na ok, darauf hätt ich kommen können, Danke - tschüss!"
"...?"

Oder so ähnlich. Egal.)

Jedenfalls: <3
Genialer Blog. Ich les dann mal weiter, finds absolut großartig.

Grüße!

Juna (Gast) - 7. Mai, 17:04

ja, ich verstehe dich. in der medizin ist es ähnlich. du siehst nich den menschen, sondern seine diagnosen. bei einem 4-jährigen mädchen, dass seit etlichen jahren im wachkoma liegt, denke ich nich, ooooh die arme und fange an zu weinen, sondern sehe die diagnosen, versuche die zusammenhänge im körper zu verstehen. mit mitleid kann ich ihr nich weiterhelfen. wenn ein pat. kollabiert, dann kann ich nich hilferufend durch die gegend rennen, denn ICH bin die hilfe, also ja, ich verstehe dich, auch wenn ich bisher noch nich derartige schwere fälle wie du sie beschreibst, erlebt habe!

ich halt (Gast) - 10. Mai, 14:27

Kälte

nun es ist schon eine Kälte ... aber eine "nicht" persönliche nenn ich das mal....

auch bei mir mehr als 25 Jahre freiwillige Feuerwehr ( wobei freiwillig auch schon mal 278 Einsätze in einem Jahr waren bei mir )
verändern / prägen einen und das in einer Art und Weise die für jemanden der das nicht kennt nicht nachvollziehbar ist und mich selbst aber auch schon mehr wie erschrockken hat und das eigene Leben auch net unbedingt "spassiger" macht da man sich einiges aus erfahrung entgehnlässt ... andere meinen dann hat schieß ....

anyway man agiert in notsituationen ( antrainiertes Verhalten , das hilft auch es besser zu verkraften .. )

Beispiel

war Beifahrer , und les .... Fahrer verreist ( warum auch immer auf der Autobahn) das Lenkrad , wir im 90 Grad winkel in die Mittelleiplanke und dann rückwärsts da entlang geschlittert ( mächtig Verkehr ) noch bevor wir gestanden sind , hatte ich die Leitstelle am Ohr und ne Lagemeldung gemacht , dann dem Fahrer gesagt er soll schaun das er das Lenkrad los lässt und endlich schuat das er raus kommt und dann weg , hier wäre ein ganz doofer Platz zum warten ....

und erst als das gelaufen war hab ich mir überlegt wie ich jetzt eigentlich raus komm da wir ja an der Planke klebten ??

da ist das "cool"



aber wenn du da bei bist wie dein eigene Vater ( zusammengebrochen neben dem Bett ) von NA / RA versorgt wird , Du reinkommst und sofort anfängst nach der Sauerstoffsättigung zu sehn und die Wehr anforderst zur Patientenorieniertenrettung .... dann wird es bedenklich ... ehrlich ... er verstarb 3 Std später ( Intensievbettenmangel ) und es war wie im Film .... echt .. seitdem frag ich mich ehrlich ...

Micha (Gast) - 11. Mai, 00:23

Hi Steel,

du machst einen super Job.
Danke.

julia (Gast) - 14. Mai, 14:06

keine sorge

ich wurde mich um die menschlichkeit keine sorge machen. du machst schon ein toller job.
abschluss - 17. Jun, 12:45

Ja, also erstmal toller Blog, gerade eben hier das erste Mal gesehen :-)

Und zum Thema: Also wenn man sich solche Sorgen macht, dann kann die Menschlichkeit nicht weit her sein. Schlimmer sind die, die überhaupt nicht den Weitblick haben soetwas zu merken...
El Loco - 15. Mai, 19:07

Nein, es ist keine Kälte. Aber: was uns erschreckt, terrorisiert an solchen Erlebnissen, ist das Unerwartete, das über uns hereinbricht und uns völlig machtlos stehen läßt, uns überfordert. Du bist dazu ausgebildet, mit solchen Situationen umzugehen, du bist nicht überfordert.

Vor Jahren hatte ich einen Unfall auf dem ersten Regen nach sechs Wochen: S-Kurve, Dreher, Graben, Spiegel kaputt (Auto lag drauf). Hat mich ziemlich durchgeschüttelt, in jeder Hinsicht. Die Nacht hab ich nicht geschlafen.
Letzte Woche sah ich ein jutjub-Filmchen von Rallyefahrern. Die hats aus der Kurve getragen, gradaus vor den Baum, Auto knitterkaputt. Die haben den Schlüssel abgezogen, "schade drum" gesagt und sind ausgestiegen. Das gehört bei diesem Sport eben dazu.

Dafür stehe ich am Bett eines Schwerstkranken und Sterbenden, die Angehörigen sind völlig aufgelöst, und ich werde zum ruhenden Pol, zum Fels in der Brandung. Zum einen tatsächlich, weil es nicht meine Mutter oder mein Bruder ist - aber auch, weil ich auf die Situation vorbereitet bin, und, nicht zu vergessen, weil das zu meinem Beruf gehört. Der Mann oder die Frau in schwarz ist eben kein Klageweib, sondern Geistliche(r) und steht unter der Erwartung, jetzt Hilfe und Stütze zu sein. Und tut das auch.
Was nicht heißt, daß ich nicht zwei Stunden später, wenn die Spannung (rigueur nennen die Franzosen das sehr treffend) nachläßt, erst mal fix und alle bin, keinen mehr sehen will und Ruhe brauche. Erschöpfung... Aber: in der Situation mit der Familie bin ich für sie da. Als Zuhörer, Ansprechpartner, manchmal auch Fürsprecher - und, meine ich und sagen mir auch die Menschen später, immer mit der menschlichen Wärme und Offenheit, die sie brauchen.

Verwechseln wir nicht manchmal "Menschlichkeit" mit "panischer oder hysterischer Reaktion"?

dg77 (Gast) - 19. Mai, 16:41

verstehen: ja! dennoch denke ich, dass du die falsche frage stellst. reicht nicht allein der oben beschriebene gedankengang, die reflektion deiner selbst um die frage nach dem "kaelter werden" zu beantworten?
die frage stellt sich nicht wirklich, solange du dir im klaren ueber dich, deine situation, deine umwelt die wahrnehmung anderer bist.

es gruesst dich ein kollege von heidelbergs strassen...

Alltag im Dienst

Ich kann das wirklich gut nachvollziehen. Irgendwann wird es zum Alltag und man fängt an einfach nur noch abzustumpfen- meint man vermeintlich- aber irgendwas bleibt doch hängen. Das Resultat hat man dann, wenn man älter ist und eigentlich mal zum Psychologen müsste, damit der einem über die gesammelten Erlebnisse hinweg hilft. Hinzu kommt aber auch noch der ständige Schichtdienst, der einem auf die Dauer auch noch zusetzt.

Da ist man doch froh, wenn man von der Pension noch eine paar Jahre hat.

Isa (Gast) - 14. Jun, 21:57

Kälter?

Das bedeutet m.A. nicht, dass Du kälter als ohne die Arbeit bist. Dein Unterbewusstsein schützt Dich, indem es sagt, das lasse ich nicht an mich heran. Morgen kommt etwas Schlimmeres. Dafür muss ich gewappnet sein. Ich erwarte, dass Du für solche Situationen geschult bist. Oder Dich selbst dafür bildest. Sonst könntest Du den Beruf nicht länger ausüben. Es geht Dich auch wirklich nichts an. Es ist Deine Arbeit. Wenn es Dich betreffen würde, wärest Du nicht mehr ruhig. Du hast den Vorteil, dass Du viele Lebenssituationen bereits durchdacht hast, auch Zeit hattest, danach ohne Eile das Was-wäre-wenn zu durchdenken. Das ist Dir von Vorteil, wenn so eine außergewöhnliche Situation einmal in Dein Leben "einbricht". Andere sind dann hilflos. Du weißt schneller einen Weg.
Ich wünsche Dir, dass Du nicht kalt wirst bzw. Dich so fühlst.

herzi (Gast) - 6. Aug, 21:06

also steel, falls dich das thema wirklich interessiert, kann ich dir nur eine buchreihe empfehlen. "...und ein bisschen stirbt man doch!" heißt diese trilogie. es ist zwar eine rettungsdienstgeschichte, aber wenn du diesem bereich nicht ganz abgeneigt bist, lege ich sie dir sehr ans herz. auch wenn die erzählung sich überwiegend mit dem alltag im rettungsdienst befasst, heisst es nicht, dass das nur ein phänomen ist, das dort auftritt. letztendlich wird aufgedröselt, was warum in einem vorgeht, dass solch eine situation resultiert, wie die, in der du gerade auch steckst. ich denke, man kann diese geschichte gut übertragen auf viele andere berufe, andere bereiche. ich kann mich nur wiederholen, aber wenn du nicht ganz abgeneigt bist (könnte ja das verhältnis und verständnis zwischen und für die rettungskollegen [positiv] beeinflussen ;) ), lege ich dir die lektüre sehr ans herz. erhältlich beim verlag "faerie's inkpot", einfach mal bei google reinhacken.
Jk (Gast) - 24. Aug, 12:44

Kälter...

Lieber Steel, schön, dass zwischen all der Heiterkeit auch Platz für diese nachdenklicheren Themen ist. Ich kann absolut nachvollziehen, was du schreibst, auch ich habe einige Jahre auf dem Streifenwagen verbracht. Man erlebt als Polizeibeamter emotional in einem Jahr oft mehr als manche Menschen in ihrem ganzen Leben. Gerade deswegen muss man immer wieder das Erlebte reflektieren. Einfach zur Tagesordnung übergehen, ein "kalter Hund" sein, mag bei manchen immer funktionieren, bei manchen gar nicht und bei einigen nur oberflächlich. Ich gehöre zu letzteren. Ich habe jetzt 3 Jahre lang schon das Büro gegen den Streifenwagen getauscht und alles liegt weit zurück. Dennoch hat mich das Trauma eines sterbenden Kindes in diesen drei Jahren in den Burn-Out getrieben. Ich kann nur an jeden appellieren... Mauert emotional belastende Erfahrungen nicht routiniert ein, bei allen Vorteilen routinierter Kälte muss einfach auch Platz für Gefühle bleiben.

Ciphere (Gast) - 26. Aug, 15:41

Cool oder Kalt?

"Ausnahmesituationen" für den "Normalbürger" gehören für Polizisten, Rettungsdienstmitarbeiter, Ärzte, Sicherheitsleute und eine Handvoll weiterer Berufe zum Alltag.

Man geht cool mit der Situation um, manchmal ist man aufgebracht, wütend, enttäuscht über etwas oder aber auch emotionslos.

Wenn man selbst betroffen ist, dann hat man immer iene gewisse Gefühlsregung in sich zu verzeichnen.

Aber wenn es irgendjemanden trifft? Kann man sich Sorgen um jeden machen? Muss man sich Gedanken um jeden machen? Ist es eine geschcihte die man erzählen kann? Oder verschwindet sie in der persönlichen Erinnerung?

Es ist notwendig für einige Berufe einen kühlen Kopf zu bewahren und nicht emotional, sondern rational, professionell an die Sache heran zu gehen.

Aber stumpft man deshalb ab? - Ja.

Ist man deshalb ein schlechterer Mensch? - Nein.

Hat man mehr Erfahrungen als der Durchschnitt und Geht mit den eigenen Situationen anders um? - Ja.

Aber die Grenze zwischen "cool", "kalt" und "unterkühlt" ist fließend und Situationsabhängig.

Wer kennt sie? - Niemand.

go1331 (Gast) - 16. Nov, 15:28

find ich nicht gut

coole sau... aber danach noch drüber zu sprechen...

go1331 (Gast) - 16. Nov, 15:29

eiskalt

sitzt er am telefon, während dessen anderswo etwas passiert ist. unbeschreiblich abgebrüht!

Hannz (Gast) - 10. Apr, 01:23

Einen Arzt kann man nicht brauchen, wenn er kein Blut sehen kann oder zu stark bei einer Operation mitfühlt. Einen Bauarbeiter kann man nicht gebrauchen, wenn er keine rauhen Hände hat. Einen Metzger kann man nicht gebrauchen, wenn er kein totes Tier zerlegen kann.

Einen Polizisten kann man nicht gebrauchen, wenn er zur Panik neigt oder nicht ausreichend belastbar ist. Aber genausowenig kann man einen Polizisten brauchen, der sich über zwischenmenschliches und soziale Bezüge hinweg setzt.

Am Ende ist ein gesunder Abstumpfungsprozess wohl das richtige. Etwas wie ein Filter, der zwischen die Verarbeitung der Alltagseindrücke gelegt ist, aber trotzdem Erinnerung, Trauer und Mitgefühl wenn es nötig und angebracht ist, möglich macht.
Solange Sie sich menschlich verhalten können, die Menschen, Täter und Opfer, Beteiligte und Unbeteiligte nicht abstoßend finden, wegen all der schlimmen täglichen Erfahrungen mit diesen Menschen, solange dürften Sie von jedem Therapeuten einen Persilschein bekommen :-)

karl gumbricht (Gast) - 4. Jun, 15:00

Der Eintrag ist ein Jahr her.
Ich bin über das Blog gestolpert, habe mich bis hierher durchgelesen (im Rückwärtsgang), hab wahlweise laut gelacht ode geschmunzelt und jetzt eben das hier.
Zu der speziellen Situation fiel mir nur auf, dass Du als Handelnder in das Geschehen eingreifen konntest. Du wusstest was zu tun war und hats es getan. Danach war die "Arbeit" erledigt. Für die Menschen wie ich es bin, gereicht das ja schon zur Heldentat, da sie tatsächlich in einem Abwägungsprozess geraten, in dem Selbstschutz und Tatendrang, Vernunft und Reflex mit einander ringen, Gegensätze, die in der Ausbildung und durch die Erfahrung doch sicherlich gezähmt werden. Sehr schön beschreibt das Florian in seiner Mail an den Taxiblog, die Du auch verlinkt hattest. Sinngemäß formuliert er dort, dass der Einsatz für andere auch dann etwas kostet, wenn man selbst nichts weiter tun muss, als zu telefonieren. (Habe ich so ähnlich und dann doch nicht ganz so dramatisch auch schon erlebt) Wahrscheinlich ist es die Aufgabe des Gefühls der Sicherheit was die Menschen fertig macht, die mit dem Leid der Menschen nicht beruflich beschäftigt sind. Wir Bürger verdanken den helfenden Berufen das Privileg eines (ziemlich) umfassenden Sicherheitsgefühls.
Danke für Deine Beiträge.

Der Banker (Gast) - 15. Apr, 20:01

Kalt?
Das Wort ist nicht richtig, obwohl es nicht falsch ist. Mit "kalt" meinen wir auch eine Interesselosigkeit, das LMAA, das "was scherts mich, wenn der da verreckt", "was gehts mich an". Und das ist genau das falsche "kalt".

In einem anderen Kommentar habe ich erzählt, wie die ganze Belegschaft der Bank beim ersten Feueralarm in der neuen Filiale im Einkaufszentrum blöd rumgestanden hat und nicht wusste was tun. Der, der dazukam und Bewegung in die Sache brachte, hatte schlicht und ergreifend einen Bericht von einem anderen Kollegen gehört, wie der im Rheindahlender Nato Hauptquartier bei Bombenalarm die Bank räumen musste und wie das vonstatten gegangen war.
Kürzlich hatte eine Kollegin ihren ersten gefälschten Ausweis vor der Nase und eine Heidenangst. Ich habe darin schon fast traurige Routine und weiß genau: diese Leute tun einem nix, die hauen bloß ab.

Es ist einfach das Wissen, was zu tun ist. Wie ich schon in dem anderen Beitrag schrieb: man hält sich an der Routine fest. Das ist ein roter Faden, der durch das Geschehen führt und es einen bewältigen lässt.

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